Über den Wolken…

Einfach abheben und durch die Luft gleiten: Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Im Luftsportverein Stolberg e.V. kann man ihn sich erfüllen.
Gruppenbild mit Segelflugzeug: Die Mitglieder des LV Stolberg vor der ASK-21

Wenn Manfred Mager abhebt, geht dies sehr schnell und beinahe lautlos vonstatten. Er sitzt in der DG 300 Club, einem weißen einsitzigen Segelflugzeug, das über ein Seil mit einer Winde am anderen Ende der rund einen Kilometer langen Startbahn verbunden ist. Ort des Geschehens ist der Flugplatz Diepenlinchen in Stolberg-Mausbach, Sitz des Luftsportvereins Stolberg e.V., dessen 1. Vorsitzender Manfred Mager ist. Jetzt signalisiert der Startleiter dem Windenfahrer – so der Fachausdruck für den Vereinskollegen, der die Winde bedient –, dass Manfred Mager startklar ist. Ein leises Surren ist zu hören, mehr nicht: Die Winde beschleunigt das nur 300 Kilogramm schwere Segelflugzeug aus Glasfaserkunststoff in etwa zwei Sekunden auf Tempo 100 – das entspricht einem Formel-1-Start. Das Flugzeug hebt ab und steigt rasch auf. In etwa 300 Meter Höhe klinkt sich das Zugseil automatisch aus, und Manfred Mager gleitet in den Himmel über Stolberg…

Auf die Thermik kommt es an

„Heute ist bestes Wetter zum Fliegen – da kann er lange oben bleiben“, kommentiert Vereinskollege Norbert Weidenhaupt mit Blick auf die sommerlichen Temperaturen und die vereinzelten Cumuluswolken am ansonsten blauen Himmel. „Die Wolken markieren die Thermik, sie zeigen uns an, wo Aufwinde zu finden sind, die wir zum Aufsteigen nutzen können“, erklärt er. „Bei solchem Wetter kann man sich von Wolke zu Wolke hangeln, auf mehrere tausend Meter Höhe aufsteigen und stundenlang fliegen.“ Tatsächlich landet Manfred Mager erst nach geraumer Zeit und einem ausgedehnten Flug über die Eifel wieder auf dem Flugfeld. „Das ist immer wieder ein tolles Erlebnis, auch wenn man schon hunderte Male geflogen ist“, meint er begeistert. „Man schwebt im wahrsten Sinne des Wortes über den Dingen und kann allen Stress hinter bzw. unter sich lassen“, so der Pilot.

Seine Begeisterung fürs Segelfliegen teilt Manfred Mager mit rund 50 weiteren Mitgliedern des Luftsportvereins Stolberg. Der Flugplatz Diepenlinchen ist ihr „Heimatflughafen“, hier stehen die insgesamt fünf Segelflugzeuge des Vereins, und von hier aus gehen die Piloten regelmäßig an den Wochenenden in die Luft – von April bis Anfang November, wann immer das Wetter mitspielt. „Segelfliegen macht nur bei bestimmtem Wetter Spaß und Sinn“, erklärt Norbert Weidenhaupt, 2. Vereinsvorsitzender und seit 13 Jahren im Segelflug aktiv. „Bei Regen, Sturm oder Gewitter bleiben wir unten. Denn beim Segelfliegen kommt es entscheidend auf die Thermik, die Aufwinde an. Das heißt, die Sonne sollte scheinen, es dürfen aber durchaus ein paar Wolken am Himmel sein: Dann sind die Luftströmungen ideal, und die weiß ein erfahrener Pilot zu nutzen. Man kann dann von hier aus bis weit in die Eifel oder die Ardennen fliegen und hat einen herrlichen Blick über die ganze Region“, schwärmt Norbert Weidenhaupt.

Gründliche Ausbildung

Bis es so weit ist, haben angehende Piloten allerdings jede Menge zu lernen – und zwar theoretische Grundlagen beispielsweise der Technik, Navigation und Meteorologie ebenso wie die praktische Kunst des Fliegens. Beides wird im LV Stolberg vermittelt. „Wir haben sieben erfahrene Fluglehrer im Verein, die sich um die Ausbildung der Nachwuchspiloten kümmern“, sagt Manfred Mager, der selber seit fast 40 Jahren fliegt.

Wer das Segelfliegen lernen will, fliegt zunächst in einem Doppelsitzer in Begleitung eines Fluglehrers. „Dafür haben wir mit der ASK-21 ein bewährtes Flugzeug mit sehr gutmütigen Flugeigenschaften. Auf ihr lernt man alles, was zur sicheren Beherrschung des Flugzeugs nötig ist – vor allem geht es darum, die Thermik richtig zu nutzen. Nach etwa 50 bis 70 begleiteten Flügen können die Flugschüler dann auch alleine aufsteigen und so weiter an Flugerfahrung gewinnen. Nach und nach kann man sich dann auch mit anderen, anspruchsvolleren Flugzeugen vertraut machen“, erläutert Manfred Mager. Rund zwei bis vier Jahre dauert eine solche Segelflugausbildung. Am Ende stehen eine amtliche Theorieprüfung sowie eine praktische Prüfung – „dann ist man Pilot und darf allein auf Streckenflug gehen“, so Mager.

So komplex das motorlose Fliegen im dreidimensionalen Raum auch erscheinen mag, kann es doch grundsätzlich jeder erlernen. „Es braucht keinerlei Vorkenntnisse, und wer gesund ist, kann schon ab 14 Jahren die Flugausbildung bei uns absolvieren“, sagt Norbert Weidenhaupt. Diese Möglichkeit nehmen Jugendliche und junge Erwachsene aus der Umgebung gerne wahr. „Wir haben momentan etwa zehn unter 20-Jährige im Verein und freuen uns über jedes Neumitglied, egal wie alt er oder sie ist“, so Weidenhaupt.

Ein klassischer Teamsport

Auch wenn man im Cockpit eines Segelflugzeugs in der Regel allein oder allenfalls zu zweit sitzt, ist Segelflug doch ein Teamsport – eine Aussage, die sich für den Laien zunächst überraschend anhört. Jedoch: „Alleine geht nichts“, erklärt Manfred Mager. „Es braucht das Engagement vieler, damit überhaupt ein Flugbetrieb stattfinden kann. Schließlich muss der Flugplatz in Schuss gehalten werden, die Flugzeuge benötigen regelmäßige Wartung und werden an jedem Flugtag vor ihrem ersten Start überprüft. Und um dann aufsteigen zu können, bin ich auf den Windenfahrer, den Startleiter und andere Helfer angewiesen.“ Gerade die Bedienung der Winde sei eine verantwortungsvolle Aufgabe, die eine eigene Schulung erfordere. „All das läuft bei uns komplett ehrenamtlich, und dieses Engagement macht das Fliegen hier im Verein für jeden erschwinglich – unsere Beiträge sind nicht höher als bei anderen Vereinssportarten“, freut sich Manfred Mager.

Schnupperkurs für Interessierte

Auch sonst kommt der Teamgedanke im LV Stolberg nicht zu kurz. So veranstaltet der Verein z.B. jedes Jahr ein ein- bis zweiwöchiges Segelfluglager, bei dem von Stolberg oder auch einem anderen Flughafen aus tägliche Flüge in die nähere und weitere Umgebung unternommen werden. Überaus beliebt ist auch das „Sunrise-Fliegen“ am längsten Tag des Jahres: Dabei wird traditionell nach einem gemeinsamen Grillfest und einer sehr kurzen Nacht im Vereinsheim gegen  halb vier Uhr aufgestanden, um dann pünktlich zum Sonnenaufgang zu starten – „das ist immer ein ganz besonderes Naturerlebnis, man erlebt den Sonnenaufgang gewissermaßen aus der Luft von oben mit“, sagt Norbert Weidenhaupt.

Wer die Faszination des Segelfliegens für sich entdecken möchte, ist bei den Stolbergern stets willkommen. Interessierte können einfach vorbeikommen, sich den Flugbetrieb vor Ort anschauen und mit den Vereinsmitgliedern ins Gespräch kommen. „Und für alle, die sich nicht ganz sicher sind, ob unser Sport das Richtige für sie ist, bieten wir einen  Schnupperkurs mit insgesamt acht Flügen, die man als Flugschüler miterlebt“, sagt Norbert Weidenhaupt. „Nach den ersten Flügen wissen die meisten dann ziemlich genau, ob die Luft das richtige Element für sie ist.“

Weitere Informationen über die Aktivitäten und Angebote des Luftsportvereins Stolberg e.V., die Flugausbildung und die verschiedenen Segelflugzeuge bietet die Website des Vereins unter
www.lvstolberg.de

Einige weitere Segelflugvereine aus der Region:

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