Schiff Ahoi!

Von der schicken Segeljacht über den wendigen Schlepper bis zum luxuriösen  Passagierschiff: Es gibt kaum ein Wasserfahrzeug, das die Mitglieder des Schiffsmodellclubs Alsdorf/Eschweiler e.V. 1985 nicht in liebevoller Kleinarbeit nachbilden. Auf dem Klosterweiher in Sankt Jöris gehen die Miniaturen regelmäßig auf große Fahrt…

Langsam, beinahe majestätisch kreuzt die „Köln“, ein weiß-rot lackiertes Passagierschiff, über die spiegelglatte Wasserfläche. Die rund 50 Fahrgäste an Bord scheinen die Spritztour zu genießen, Stimmungsmusik dringt vom Schiff ans Ufer: „Darum ist es am Rhein so schön…“ Die Illusion ist fast perfekt. Allerdings: Die „Köln“ fährt nicht auf dem Rhein, sondern schippert über den Klosterweiher neben dem Zisterzienserinnenkloster in Eschweiler-Sankt Jöris. Sie ist auch kein ausgewachsenes Passagierschiff, sondern ein originalgetreues Modell, 1,28 Meter lang. Siegfried Frohn, ihr stolzer Besitzer, lenkt die „Köln“ vom Ufer aus mit einer Fernsteuerung über den Klosterweiher.

Kleine Schiffe auf großer Fahrt

In liebevoller Kleinarbeit hat Siegfried Frohn den Ausflugsdampfer mit allen Details nachgebaut. „Als Vorbild dienten zwei baugleiche Schiffe, die auf dem Bodensee unterwegs sind: Die „Stuttgart“ und die „München“. Kurioserweise gehören diese beiden Schiffe der Deutschen Bahn, die mir die Baupläne für mein Modell zur Verfügung gestellt hat. Ich habe das Schiff dann originalgetreu im Maßstab 1:25 nachgebaut. Hier ist alles genau so wie auf den beiden großen Schiffen – bis auf den Namen: Als Rheinländer musste ich mein Modell natürlich „Köln“ nennen“, erzählt Siegfried Frohn.

Begeisterte Modellbauskipper: Siegfried Frohn (links) und Friedhelm Beym lassen ihre Boote in St. Jöris regelmäßig zu Wasser.

Der Modellbauer und „Kapitän“ ist Gründungsmitglied und Vorsitzender des Schiffsmodellclubs (SMC) Alsdorf/Eschweiler e.V. In dem 1985 gegründeten Verein haben sich 25 Modellbauenthusiasten mit Affinität zum nassen Element und Wasserfahrzeugen aller Art zusammengefunden. Regelmäßig treffen sie sich am Klosterweiher, um ihre Schiffe auf „große Fahrt“ zu schicken. Die Vielfalt der Fahrzeuge ist dabei fast so groß wie auf den Ozeanen: „Ob Segeljacht oder Passagierschiff, Fischerboot, Polizei- oder Feuerwehrschiff, Seenotrettungskreuzer, Frachter oder Containerschiff, Arbeitsponton oder Forschungsschiff – es gibt nichts, was man nicht en miniature nachbauen könnte“, erklärt Vereinsmitglied Friedhelm Beym. Sogar ein ferngesteuertes U-Boot ist bisweilen in den Tiefen des Klosterweihers unterwegs.

Wie weit die Detailverliebtheit der Modellbauer gehen kann, zeigt z.B. die „Rijkswaterstaat 96“, ein rund 1,40 Meter langes Modell eines Patrouillenbootes der holländischen Wasserschutzpolizei. Es verfügt über rund 50 Sonderfunktionen – das kleine Schiff kann fast alles, was auf dem Original auch möglich ist: So kann das Modell u.a. mit einem Kran ein Beiboot absetzen, einen Taucher ins Wasser lassen, der dann tatsächlich auch Luftblasen aufsteigen lässt. Die Löschpumpe des Schiffes ist voll einsatzfähig, genauso die Beleuchtung, und natürlich kommt aus dem Maschinenraum auch das Geräusch eines tuckernden Dieselmotors, während Qualm aus dem Schiffskamin steigt. Mittels Fernsteuerung kann Siegfried Frohn sogar einen Motorschaden „inszenieren“: Dann quillt dichter Rauch aus dem Maschinenraum und ein stilecht fluchender Maschinist tritt aus der kleinen Tür. Um all das und noch etliche Funktionen mehr zu realisieren, ist das Modell, in dem sieben Jahre Bastelarbeit stecken, vollgepackt mit Technik. „In dem Schiff habe ich allein 240 Meter Kabel und 20 Kleinstgetriebemotoren verbaut“, verrät der Kapitän. Umso wichtiger ist es, dass die Modelle absolut wasserdicht sind, um bei so viel Technik einen Kurzschluss zu verhindern. „Wasser darf nur unter das Modell, aber niemals hinein“, meint Siegfried Frohn mit einem Lachen.

Faszination Modellbau: möglichst nah am Original

Gemeinsam ist all diesen Schiffen, dass es sich um minutiöse, selbst gefertigte Nachbauten handelt – fertige Schiffe aus dem Modellbauladen sieht man hier nicht. Das Basteln und Tüfteln ist es auch, was die Vereinsmitglieder am meisten fasziniert. Siegfried Frohn etwa hat sein erstes Modell als Schüler gebaut und ist seinem Hobby nun seit rund 50 Jahren verbunden. „Das Schöne ist, dass es keine vorgefertigten Lösungen gibt. Jedes Schiff ist anders, und du musst dir bei jedem Detail überlegen, wie du es umsetzt und welches Material du benutzt. Vor allem bei der Mechanik muss man ganz viel improvisieren, z.B. um bewegliche Scheibenwischer oder umlegbare Masten zu bauen“, erzählt der Modellskipper.

Vollgepackt mit Technik: Die „RWS 96“ verfügt über 50 Sonderfunktionen.

Bastelspaß für Alt und Jung

Gebaut werden die Modelle aus Holz, Kunststoff oder auch Metall. Neben handwerklichen Fertigkeiten, die man zum Zuschneiden, Löten, Feilen etc. braucht, müssen die Modellbauer auch einiges von Materialkunde verstehen. „Es gibt heute allein Dutzende unterschiedlicher Kunststoffe, und für jedes Material benötigt man einen anderen Klebstoff, wenn die Arbeit gut und haltbar werden soll“, verrät Friedhelm Beym. Zusammen mit Siegfried Frohn betreut er auch die Vereinsjugend: Immerhin ein Drittel der Vereinsmitglieder sind Jugendliche, die den Spaß am Basteln und Fahren teilen – und natürlich von der Erfahrung der „alten Hasen“ profitieren. „Natürlich helfen wir uns im Verein gegenseitig mit Know-how und auch Werkzeugen. Egal, welches Problem man gerade mit einem Modell hat oder was man einbauen möchte: Es gibt eigentlich immer jemanden, der einem mit Rat und Tat weiterhelfen kann, denn jeder hat sein Spezialgebiet“, so Frohn. In gemeinsamer Arbeit sind so auch schon etliche vereinseigene Schiffsmodelle entstanden.

Feingefühl am Steuer

Bei allem Spaß am Basteln, Tüfteln und Werken kommt aber auch das Fahren nicht zu kurz. Anders als ihre großen Vorbilder werden die Modelle – falls es sich nicht um Segelschiffe handelt, die die Kraft des Windes nutzen – elektrisch betrieben. Weil auf den meisten Gewässern Modelle mit Verbrennungsmotor aus Gründen des Umweltschutzes nicht erlaubt sind, ersetzen ein Akku und ein Elektromotor den Dieselmotor des Originals – die kleinen Schiffe sind somit sogar umweltschonender unterwegs als die großen. Das gute Augenmaß, das beim Basteln erforderlich ist, kommt den Kapitänen auch beim Fahren zugute – z.B. bei der regelmäßig stattfindenden Freundschaftsregatta, zu der der SMC Alsdorf/Eschweiler befreundete Vereine aus Deutschland, Belgien, Holland und sogar aus England und Österreich nach Sankt Jöris einlädt. Dann kommt es darauf an, einen vorgegebenen Parcours möglichst fehlerfrei zu durchschippern. „Da ist viel Geschicklichkeit und Feingefühl an der Fernsteuerung gefragt, denn jedes Schiff fährt und reagiert anders“, weiß Friedhelm Beym. „Und natürlich ist es auch immer wieder toll und interessant, die Schiffe der anderen Modellbauer im Einsatz zu sehen.“

Aus diesem Grund besuchen die Clubmitglieder regelmäßig auch andere Vereine und Veranstaltungen im In- und Ausland. Und der jährliche Vereinsausflug geht meist in eine Hafenstadt wie etwa Hamburg, Rotterdam oder Antwerpen. „Da schauen wir uns dann die großen Pötte im Original an und lassen uns inspirieren“, sagt Siegfried Frohn, und man merkt: Der Mann ist von Schiffen gleich welcher Größe einfach begeistert.

Die Mitglieder des SMC Alsdorf/Eschweiler e.V. treffen sich jeden Sonntag gegen 10:30 Uhr am Klosterteich in St. Jöris zum gemütlichen Schippern – Gäste und Zuschauer sind stets willkommen. Mittwochs wird ab Einbruch der Dunkelheit auch mit voll beleuchteten Modellen gefahren. Weitere Infos zum Verein und seinen Aktivitäten sowie viele Bilder von den Schiffsmodellen finden sich auf der Vereins-Website unter:
http://schiffmodellclub.bplaced.net

Einige weitere Schiffsmodellclubs in der Region:

Schiffs-Modell-Club Stolberg e.V. – www.smc-stolberg.de

Modellbauskipper Euregio Aachen e.V. – www.modellbauskipper-euregio-aachen.de

Modellsportclub Düren e.V. – www.msc-dn.de

Modellsportverein Hürtgenwald e.V. – www.msv-huertgenwald.de

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