Geniale Arbeitsmaschinen

Dass im Selfkant fünf Mühlen so nah beieinander stehen, die in ihrer historischen Bausubstanz erhalten sind, ist in Deutschland einmalig. Mit viel Liebe und Engagement setzt sich der Mühlenverein Selfkant für den Erhalt der Mühlen ein.
Karl-Heinz Tholen auf dem Dach der Breberener Mühle

Über Waldfeucht strahlt die Sonne. Die siebenjährige Caro staunt, als sie aus dem Auto steigt und die Windmühle zum ersten Mal in voller Größe sieht. „Ich hatte mir die viel kleiner vorgestellt“, sagt sie. Gemeinsam mit ihren Geschwistern Bela (4) und Mara (6) und ihren Freunden Lina (7) und Paul (4) darf sie sich heute zum ersten Mal eine echte historische Windmühle von innen ansehen. Möglich macht das der Verein Historische Mühlen im Selfkant e.V., dessen Geschäftsführer Josef Vraetz die Kinder fröhlich begrüßt. „Wir haben regelmäßig Führungen in unseren Mühlen“, sagt der 65-Jährige. Kindergartengruppen, Schulklassen, aber auch Geburtstagsgesellschaften oder Ausflügler interessieren sich für die Windmühlen in Gangelt-Breberen, Waldfeucht, Haaren und Kirchhoven-Lümbach und für die Wassermühle in Millen. Sie alle befinden sich in der Mühlenregion Selfkant und sind für die Öffentlichkeit zugänglich. „Die Mühlen sind die Wahrzeichen unserer Dörfer hier“, erklärt der Vereinsvorsitzende Karl-Heinz Tholen. „Für uns ist klar: Die müssen öffentlich zugänglich sein. An privat verkaufen und einzäunen, das geht nicht.“

1.000-Kilo-Mühlstein

Als die Kinder in die Waldfeuchter Windmühle eintreten, zeigt ihnen Josef Vraetz als erstes einen breiten Ledergurt, der von der Decke hängt. „Na? Meint ihr, ihr könnt den Mühlstein bewegen, der über 1.000 Kilo wiegt?“, fragt er die Kinder. Sie staunen nicht schlecht, dass sie den Gurt mühelos nach unten ziehen und damit den Mühlstein eine Etage weiter oben anheben können. „Das ist Übersetzung“, strahlt Vraetz, und man merkt ihm die Faszination für die jahrhundertealte Technik deutlich an: „Es ist schon toll zu sehen, wie mit relativ einfachen Mitteln und den Werkzeugen, die man damals zur Verfügung hatte, solche geniale Arbeitsmaschinen entstanden sind.“

Unter anderem dieser Faszination ist es zu verdanken, dass es den Mühlenverein Selfkant gibt. Josef Vraetz berichtet: „Ich arbeite bei der Gemeinde Waldfeucht, inzwischen in Altersteilzeit. Da habe ich mich unter anderem auch mit Denkmalschutz und Denkmalpflege beschäftigt, und so bin ich quasi zwangsläufig in dieser Mühle gelandet, die ja ein Baudenkmal ist.“ Anfang der 2000er Jahre wurde immer deutlicher, dass der Erhalt der Mühlen im Selfkant sich zu einer wichtigen Aufgabe entwickelte. „Die Müller werden immer älter und die Generation, die mit diesen Mühlen Geld verdient hat, stirbt langsam aus. Die nachfolgende Generation verwaltet nur noch und die Bausubstanz verfällt immer mehr.“ So entstand im Rheinischen Amt für Denkmalpflege die Idee, einen Verein zu gründen, der sich um die Mühlenbelange kümmert. 

„Ich bin in der Breberener Mühle quasi aufgewachsen“, erzählt nun auch der 61-jährige Karl-Heinz Tholen, „sie gehörte früher meiner Familie und ab den 60er Jahren dem Kreis Heinsberg. 2006 sprach man mich auf die Idee an, einen Verein zu gründen.“ Die Vorteile lagen auf der Hand: Ein Verein bietet bessere Strukturen, um Fördermittel in Anspruch zu nehmen, und kann auf diese Weise die Mühlen so betreiben und erhalten, dass die Menschen sie hautnah erleben können. So kam es 2007 zur Gründung des Vereins Historische Mühlen im Selfkant e.V., der inzwischen rund 170 Mitglieder hat. 

König mit Krone

Die Windmühle Waldfeucht stammt aus dem Jahr 1897. Bis 2003 gab es dort einen gewerblichen Mahlbetrieb – damit war sie die letzte noch gewerbsmäßig genutzte Kornwindmühle im Rheinland. Das kann man noch gut erkennen: Nachdem die Kinder vorsichtig eine steile Treppe hinaufgeklettert sind, zeigt ihnen Josef Vraetz in der ersten Etage den Mühlstein, den Mahlgang und den dicken runden Holzstamm, der bis ganz oben ins Dach der Mühle reicht. „Das ist der König“, erklärt er. „Und wer wissen will, was er auf dem Kopf hat, der folgt mir nach oben!“ Noch eine Etage weiter oben steht die kleine Gruppe ehrfürchtig vor einem sehr großen Zahnrad aus Holz. „Und, was hat der König auf dem Kopf?“, fragt Vraetz. „Eine Krone!“, rufen die Kinder und Josef Vraetz bestätigt: „Genau. Das hier ist das Kronenrad.“ Nach und nach erklärt er ihnen in allen Etagen der Mühle, wie das Mahlen funktioniert, wie die Säcke von unten nach oben kommen und das gemahlene Mehl von oben nach unten. Die Kinder hören dem Denkmalschützer aufmerksam zu und genießen ihr Abenteuer in dem historischen Gebäude mit den vielen Holz-Zahnrädern, -Balken und -Leitern.

Josef Vraetz zeigt ein Mühlstein-Modell
Josef Vraetz zeigt ein Mühlstein-Modell

Es dreht sich was

Der Nachmittag ist schon weit fortgeschritten, als die Führung in der Windmühle Waldfeucht beendet ist. Karl-Heinz Tholen fragt: „Wollt ihr auch mal meine Mühle in Breberen sehen?“ Die Kinder haben noch lange nicht genug und stimmen begeistert zu. Landwirt Karl-Heinz Tholen und sein Sohn Peter betreiben die Mühle seit 2006, sie sind Nachfahren der Erbauerfamilie. „Da dreht sich was!“, ruft Mara begeistert und zeigt auf das Dach der Mühle. Die ganz großen Flügel sind es nicht, aber die „kleine“ Windrose dreht sich tatsächlich. Sie dient dazu, die Kappe – also den oberen Teil der Mühle – automatisch optimal in den Wind zu drehen. „Klein“ wirkt sie allerdings nur von unten. Als Karl-Heinz Tholen seinen Besuchern kurz später den Blick aus der Dachluke der Mühle ermöglicht, zeigt sich: Die Blätter der Windrose sind so groß wie Zimmertüren. 

Von hier oben aus eröffnet sich ein wunderbarer Blick auf den Sonnenuntergang im Selfkant – und auf das „Café aan de Müehle“, das direkt neben der Windmühle Breberen liegt. Dort bekommen die Kinder zum Abschluss des Mühlentages noch eine kleine Stärkung und erzählen einander, welche Mühle sie am schönsten und welche steile Leiter sie am aufregendsten fanden. 

Führung kostenlos – Spende willkommen

„Wer sich die Mühlen hier im Selfkant ansehen möchte, kann einen Termin mit uns vereinbaren und bekommt eine Führung“, lädt Karl-Heinz Tholen ein. „Es wird immer schwieriger, die dringend notwendigen Restaurierungsarbeiten zu ermöglichen“, berichtet Josef Vraetz sorgenvoll. „Die öffentlichen Haushalte geben nicht mehr so viel her.“ Daher sind Spenden hochwillkommen. Wer sich nicht nur mit einem finanziellen Beitrag, sondern auch mit eigener Tatkraft für den Erhalt der Mühlen im Selfkant einsetzen will, kann Mitglied im Verein werden und sich zum Beispiel am „Rentnerbautrupp“ beteiligen, der jeden Donnerstag selbst Hand anlegt und Ausbesserungsarbeiten vornimmt. Oder man wird direkt selbst Hobbymüller: „Wir bieten eine Ausbildung zum Freiwilligen Müller oder zur Freiwilligen Müllerin an“, berichtet Vraetz. „Da lernt man, eine Mühle sicher laufen zu lassen – also mit dem Wetter umzugehen und mit den Kräften in der Mühle. Die hat kein ABS und der Wind kann plötzlich und unerwartet kommen, da muss man aufpassen.“ Freiwillige Müller können neben der Grundausbildung auch eine Mahlausbildung machen. „Das Mehl entspricht natürlich nicht wirklich den modernen Hygienebestimmungen, es ist einfach näher an der Lebendigkeit, da kann schon mal das ein oder andere Mehlwürmchen aus der Tüte springen“, warnt Vraetz. Einer der Gründe, warum mit Mühlen wie denen im Selfkant heutzutage nicht mehr gemahlen wird. Ausschlaggebend ist allerdings vor allem die Effizienz: Moderne Mühlen können problemlos ein Vielfaches an Mehl in derselben Zeit herstellen und durch die Entfernung des Keimlings auch die Haltbarkeit deutlich erhöhen.

Museumsmühle Breberen mit Café

Jubiläumsjahr

Das Jahr 2017 ist für den Verein Historische Mühlen im Selfkant e.V. ein ganz besonderes: Er feiert zehnjähriges Jubiläum. Auch die Mühlen haben runden Geburtstag. Die Museumswindmühle Breberen und die Windmühle Haaren werden 175 Jahre alt, die Lümbacher Mühle in Kirchhoven wird 135 und die Windmühle Waldfeucht feiert ihren 120. Geburtstag. Von April bis September gibt es aus diesem Anlass mehrere Fest-Termine – und am Montag, 5. Juni 2017, ist Deutscher Mühlentag. Eine besonders schöne Gelegenheit, die Mühlen selbst zu erleben.  

In Breberen wird es langsam Abend. Nach den vielen Erklärungen und Erlebnissen in den Mühlen stellt Josef Vraetz den Kindern noch eine letzte Frage: „Wisst Ihr eigentlich, was man am Ende mit dem Mehl aus den Mühlen überhaupt macht?“, will er wissen. „Schokokuchen!“, freut sich Paul, und alle lachen. 

Alle Informationen zum Mühlenverein Selfkant und zu den Mühlen selbst finden Sie auf der Vereins-Website unter www.muehlenverein-selfkant.de

Geschäftsstelle des Vereins Historische Mühlen im Selfkant e.V.: 

Lambertusstraße 13 (Rathaus)
52525 Waldfeucht
Tel.: 0163-974 78 62
E-Mail: jvraetz@yahoo.de

Die Adressen der Mühlen: 

Windmühle Waldfeucht: Waldfeucht, Kapellenstraße

Museumsmühle Breberen: Gangelt-Breberen, Waldfeuchter Straße

Lümbacher Mühle: Kirchhoven, Zur Kornmühle

Windmühle Haaren: Haaren, Elsweg

Millener Mühle: Millen, Zum Haus Millen 

1 Kommentar
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  1. Heinz-Dieter ElsenDie ersten Windkraftanlagen, ein schöner Beitrag.
    Ich werde mir die Windmühlen mit meiner Familie ansehen.