Ball-Akrobatik auf zwei Rädern

Ballspielen mit dem Fahrrad? Was ein bisschen nach Artistik klingt, erfordert tatsächlich jede Menge Geschick und Feingefühl. Die Mitglieder des Radfahrervereins 1905 e.V. Baesweiler betreiben den außergewöhnlichen Sport mit viel Elan.

Es ist Dienstagabend, 19 Uhr. In der Sporthalle in Baesweiler-Setterich geht es zur Sache. Wo sonst geturnt wird oder „herkömmliche“ Ballsportarten gespielt werden, jagen jetzt Fahrradfahrer einem Ball hinterher. Es mutet an wie eine Mischung aus Artistik, ausgeklügelter Taktik und Ballgefühl: Auf dem Fahrrad sitzend, stehend und balancierend, spielen sich Oliver Bongartz und sein Teamgefährte Karel van Dijk den etwa handballgroßen, mit Rosshaar gefüllten Ball mit dem Vorderrad geschickt zu und versuchen, ihn ins gegnerische Tor zu bugsieren. Für ihre beiden Gegenspieler gilt es, genau das zu verhindern und ihrerseits möglichst viele Treffer zu erzielen: ein dynamisches Spiel mit raschen Angriffen, Rückzügen, Drehungen und Volten – am Ende steht es 3:3 unentschieden…

Kicken mit dem Rad

Ballspielen mit dem Fahrrad? „Genau darum geht es beim Radball“, erklärt Oliver Bongartz, Vorsitzender des Radfahrervereins 1905 e.V. Baesweiler (R.V. 05). Seit bald 70 Jahren hat sich der 1905 als „normaler“ Radsportverein gegründete Club, der älteste in Baesweiler, auf die exotische Sportart spezialisiert. Rund 65 Mitglieder hat der Verein, und die meisten treffen sich regelmäßig, um mit dem Rad zu kicken. „Das hält fit und macht einfach Spaß“, meint Oliver Bongartz. Seit seiner Jugend ist er Radballer. „Das war bei mir einfach unausweichlich – schon mein Großvater hat hier in Baesweiler Radball gespielt, mein Vater auch, und jetzt setze ich die Familientradition fort“, so Bongartz. „Auch mein Sohn Tim ist im Verein aktiv, damit sind wir schon in der vierten Generation.“

Die Regeln des Sports sind schnell erklärt: Beim 2er-Radball, der bekanntesten Variante, treten je zwei Spieler gegeneinander an: Auf einem 11 mal 14 Meter großen Spielfeld, das mit Schrägbanden umgeben ist, wird der Ball durch Schläge mit dem Rad auf die zwei mal zwei Meter großen Tore gespielt. Mit dem Körper dürfen die Spieler den Ball nur berühren, wenn beide Hände am Lenker und beide Füße auf den Pedalen des Rades sind – nur innerhalb eines zwei Meter messenden Halbkreises um das Tor darf der Torwart Schüsse auch mit den Händen abwehren. Die Spielzeit beträgt je nach Altersklasse der Spieler zwischen zwei mal fünf und zwei mal sieben Minuten.

Ein sehr schneller Sport

Was sich so einfach anhört, hat es tatsächlich in sich – und es ist erstaunlich zu sehen, was mit dem Fahrrad alles möglich ist. „Radball ist nach Eishockey eine der schnellsten Sportarten überhaupt, das Spiel ist ein ständiger Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung“, erklärt Karel van Dijk, und Sportwart Thomas Kosub ergänzt: „Man kann sich eigentlich keine Sekunde lang ausruhen – anders als z.B. beim Fußball besteht ein Team ja nur aus zwei Spielern, das heißt, du spielst entweder selbst oder wirst gerade angespielt. Da kommt keine Langeweile auf: Radball bedeutet zwei mal sieben Minuten Vollgas, das ist körperlich nicht zu unterschätzen.“ Dabei ist der Sport längst nicht so verletzungsanfällig, wie es dem Laien erscheinen mag. „Man lernt beim Radball ziemlich schnell, wie man so fällt, dass nichts passiert“, meint Thomas Kosub mit einem Lachen.

Verschiedene Teams des Vereins spielen in der Bezirks- und Verbandsliga; regelmäßig werden auch entsprechende Turniere in Baesweiler ausgetragen, zu denen Zuschauer herzlich willkommen sind. Neben dem klassischen 2er-Radball gibt es im R.V. 05 auch eine 5er-Radball-Mannschaft. Dabei spielen fünf Fahrer auf einem Handballfeld auf entsprechende Tore. „Hier haben wir eine Spielgemeinschaft mit unseren Sportsfreunden vom R.V. Flottweg aus Kempen. Das klappt prima, und so haben wir bei Wettbewerben immer genügend Spieler am Start“, erklärt Rolf Kaun, Geschäftsführer des Vereins.

Mit Tim Hammerer und Marius Hermanns hat der Verein sogar zwei Deutsche Meister in seinen Reihen: Mit einem Team aus Düsseldorf, für das die beiden Baesweiler ebenfalls an den Start gehen, konnten sie in diesem Jahr die nationale Meisterschaft im 6er-Feldradball erringen. „Damit geht für uns ein lang gehegter Traum in Erfüllung, für den wir hart trainiert haben“, freuen sich die beiden frischgebackenen Meister.

Dynamisches Spiel: Beim Radball geht es meist rasant zu.

Eine große Familie

Kooperationen und Spielgemeinschaften mit anderen Vereinen sind beim Radball keine Seltenheit. „Radball ist ja mittlerweile ein eher seltener Sport. Da ist es umso wichtiger, dass sich die Vereine gegenseitig unterstützen, um gerade in den höheren Ligen erstklassige Mannschaften zusammenzubekommen. Das ist auch das Schöne beim Radball: Wir sind wie eine große Familie, in der man immer herzlich willkommen ist“, sagt Karel van Dijk.

Im R.V. 05 geht es aber nicht nur um Wettkampf- und Leistungssport. „Wer möchte, kann bei uns auch einfach aus Spaß am Sport Radball spielen“, versichert Oliver Bongartz, aber: „Die allermeisten wollen, wenn sie ihr Rad und das Spiel einigermaßen beherrschen, auch auf Wettkämpfe gehen. Das ist auch deshalb attraktiv, weil man dabei ganz schön herumkommt: Uns führen die Turniere regelmäßig etwa nach Holland, Belgien, Frankreich oder Österreich.“

Die verwendeten Räder unterscheiden sich übrigens in einigen wesentlichen Punkten von handelsüblichen Fahrrädern: Sie haben einen langen, nach oben gebogenen Lenker, der vor allem die Kraftübertragung bei Schüssen und die Beweglichkeit auf dem Rad, beispielsweise bei schnellen Drehungen, verbessert. Um den hohen Belastungen beim Spiel standzuhalten, sind die Räder aus einem Spezialstahl gefertigt. Bremsen gibt es keine, stattdessen verfügen die Räder über eine starre Kettenübersetzung, mit der die Spieler vorwärts und rückwärts fahren können. Der schmale Sattel befindet sich dicht über dem Hinterrad; Klingel, Licht und weitere „Anbauten“ sucht man an den Rädern vergeblich. „Straßentauglich sind die nicht, sie können nur zum Radball benutzt werden“, so Bongartz.

Ball-Künstler: Geschossen wird beim Radball in der Regel mit dem Vorderrad.

Freude an der Bewegung


Rund 1.500 bis 3.000 Euro kostet so ein Sportgerät. „Man muss sich aber nicht sofort ein eigenes Rad kaufen. Wer sich für Radball interessiert und schauen möchte, ob der Sport etwas für ihn ist, kann sich bei uns erstmal ein Rad leihen“, so Sportwart Thomas Kosub. Und was sollte man mitbringen, wenn man Radballer werden möchte? „Freude an der Bewegung ist das Wichtigste, alles andere lernt man hier im Verein“, weiß Thomas Kosub. „Radfahren sollte man natürlich schon können – und ein wenig Geduld haben“, fügt er hinzu, „denn es dauert schon ein bisschen, bis man den Umgang mit Rad und Ball, das Rückwärtsfahren, die Balance auf dem Fahrrad und die wichtigsten Spielzüge gelernt hat.“

Interessenten sind beim RV 05 stets willkommen. „Radball ist sicherlich keine Mainstream-Sportart – es gibt nicht so viele, die das machen, und es ist ja auch nicht ganz einfach. Dafür können wir uns aber mit dem Nachwuchs intensiv beschäftigen und ihm den Sport von Grund auf mit allen Tricks und Kniffen beibringen“, sagt Oliver Bongartz.

Die Idee des Radballs entstand Ende des 19. Jahrhundert in den USA – und begann angeblich mit einem Beinahe-Unfall: Dem amerikanischen Kunstradfahrer Nick Kaufmann soll auf einer Ausfahrt ein Mops vor sein Rad gelaufen sein. Um nicht zu stürzen und den Hund nicht zu verletzen, schob Kaufmann den Mops mit dem Vorderrad sanft zur Seite. Diese kreative Art und Weise, einen Gegenstand zu befördern, zeigte Kaufmann gemeinsam mit einem weiteren Kunstradfahrer 1893 erstmals der Öffentlichkeit – wobei der Hund freilich durch einen Ball ersetzt wurde. Gespielt wurde dabei noch auf Hochrädern. Die neue Sportart – Radball – gewann unter Kunstradfahrern rasch an Beliebtheit und kam um die Jahrhundertwende auch nach Europa. 1930 wurden die ersten Weltmeisterschaften veranstaltet, der erste WM-Titel im 2er-Radball ging nach Deutschland. Unter den Ballsportarten genießt Radball allerdings bis heute eher einen Exotenstatus.

VIELE WEITERE INFOS zum R.V. 05 Baesweiler, den Teams, Trainingszeiten und Veranstaltungen/Wettkämpfen in Baesweiler und anderswo finden Sie im Internet unter:
www.rv05.de

Interessierte und Zuschauer sind stets willkommen!

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